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Reallabor StadtLand Coburg


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29 04 20



Akteur_03

TEMPORARY WORKPLACE MOBILER CAMPUS


Ruhender Verkehr

In einer fünftägigen offenen Werkstatt wurde ein Kleinwagen unter Leitung des Reallabors zu einem 100 % autonom ruhenden Objekt transferiert. 50 Mitwirkenden folgten der Einladung an der Erstellung des Objektes zu partizipieren und erstellten zusammen einen Sockel, auf diesem ruhend die „Fahrmaschine“ mit Holz verkleidet wurde. 

Eine interaktive Pflanzeninstallation der Künstlerin Mariana Carranza an einer Seitenwand des Objektes, griff spielerisch Digitalisierung im Stadtraum auf. Verortet wurde das Projekt auf dem Experimentierfeld von CREAPOLIS, der Transfer- und Innovationsplattform der Hochschule Coburg und Baustein der Stadtentwicklung des ehemaligen Schlachthofgeländes.

Die Überzeichnung des PKWs inszeniert den durch ein Fahrzeug belegten Raum eindrucksvoll und stellt einen anregenden Beitrag für die Aushandlung einer gerechten Flächenverteilung dar. Über die abstrakte Hülle erfährt das Volumen neue Nutzungsoptionen. Sitzen, Liegen und Stehen ermöglichten neue Aufenthaltsmöglichkeiten und Perspektiven auf das Transformationsareal und trugen zu dessen Belebung bei.

Die praktischen Tätigkeiten des Bauprozesses vor Ort, stießen einen aktiven Diskurs zwischen Wissenschaft und der Zivilgesellschaft an. Über persönliche Gespräche und visuelles Informationsmaterial fand eine Verflechtung von Alltagserfahrungen und Fachwissen statt. Die kooperative Zusammenarbeit regte zu einer aktiven Gestaltung der Umwelt und einem solidarischen Engagement in der Gesellschaft an. 

Als Inspiration diente die Plastik „Ruhender Verkehr – Concrete Traffic“ des an den Künstler Wolf Vostell. 1969 verwandeltet er seinen Opel „Kapitän“ in eine Betonskulptur, indem er den Wagen auf einem öffentlichen Parkplatz einbetonierte. 50 Jahre nach der Installation ist die Frage nach einem gerechten und angemessenen Umgang mit dem Allgemeingut Stadtraum weiterhin hoch aktuell und erfuhr durch die Adaption des Formates in Coburg eine Hommage.


Critical Mass

 

Unter der Aktionsform der Critical Mass treffen sich Radfahrende weltweit einmal im Monat, um mit einer gemeinsamen Fahrt durch das Stadtgebiet auf Missstände und Gefahren für den Radverkehr aufmerksam zu machen. Die bereits in Coburg seit 2017 erprobte Aktion beruft sich auf Paragraf 27 der Straßenverkehrsordnung – dem Fahren im Verbund ab 15 Radfahrenden.

Zwei Studierende erweckten das ruhende Format erneut zum Leben. Ihre Arbeit beinhaltete die Konzeption und Durchführung der Ausfahrt sowie die Anmeldung der Demonstration, die Ausarbeitung des Ablaufes und die Bewerbung des Formates. Ca. 70 Teilnehmenden gemeinsam im Geleitschutz der Polizei durch Coburg. Die Ausfahrt wurde um eine offene Diskussion am Coburger Marktplatz ergänzt. Die Wahrnehmung des einzelnen Radfahrenden als relevanten Verkehrsteilnehmer wird durch den Zusammenschluss zu einer Gruppe gestärkt. Das offene Diskussionsformat ermöglicht Austausch zu lokalen Begebenheiten und Bedarfen. Durch das Aufzeigen gemeinsamer Interessenslagen wird eine Basis für neue Allianzen und Netzwerke geschaffen. Die Erfahrung ermutigt zu einer Fortbewegung mit alternativen Mobilitätsformen im Alltag.


Parklet in der Ketschengasse

Als ein Parklet wird die Umgestaltung von Stellplätzen zu Begegnungsorten definiert. Die Typologie hat sich aus Besetzungen am weltweiten Aktionstages des Parkings Days verstetigt. Die Intervention zeigt die Inanspruchnahme des öffentlichen Raums durch parkende Autos auf und stellt mit der Umwidmung der Fläche diesen Zustand in Frage.

Mit einfachen Mitteln haben drei Studierende für sieben Tage einen Stellplatz in der Coburger Innenstadt durch Sitzgelegenheiten aus Paletten zu einem Ort des Aufenthalts ohne Konsumzwang gewandelt. Ergänzt wurde die Installation durch ein Brettspiel, einen Kräutergarten und Informationsmaterial zu der Intervention. Über Beobachtungen vor Ort sowie die Auslage eines Buches für Kommentare konnte das Experiment dokumentiert und ausgewertet werden.

Die Besetzung des Parkplatzes aktivierte den Ort zu einem nachbarschaftlichen Treffpunkt, der zum Aufenthalt und Austausch anregte. Die Potentiale des öffentlichen Raumes wurden sichtbar gemacht und die Aufmerksamkeit auf die Nutzungsmöglichkeiten der bestehenden Flächenaufteilung gelenkt. Die Erhöhung des Abstands zwischen Gehweg und motorisiertem Verkehr stellte mehr Sicherheit für aller Verkehrsteilnehmer*innen her. 


Resonanzraum des ruhenden Verkehrs

Überraschende Klänge auf dem Hochschulcampus. Zwischen 7:30 und 08:15 Uhr wurde am 23.05.2019 die Hochgarage am Campus Friedrich Streib zum Klingen gebracht. Ein interdisziplinäres Musikprojekt von Studierenden und Lehrenden der Hochschule regte Autofahrer*innen zum Nachdenken über eine nachhaltige Mobilitätskultur an. Über Instrumenten, Küchenuntensilien und Werkzeug wurde die Fassade der Hochgarage in Schwingung versetzt und der Raum mit Klängen geflutet. Einfahrende PKWs, Hupen und schließende Autotüren ergänzten das Ensemble. Das partizipative und interdisziplinäre Projekt liefert einen Denk- und Aktionsbeitrag zum Alltagsgebrauch der Stadt, zur Förderung einer nachhaltigen Mobilitätskultur, zum Umgang mit Klängen und Geräuschen in der modernen Alltagswelt und regt zur kritischen Reflexion von Alltagsmustern an. Den Festrahmen bildet das 100 Jährige Jubiläum des Bauhauses und der 110. Geburtstag des „Futuristischen Manifestes“ aus dem Jahr 1909. 

Die Verkehrszählung während der Veranstaltung belegt die geringe Besetzung der einfahrenden Autos. In ca. 90 Prozent der PKWs saß nur eine Person. Demzufolge ist kein Mangel an Flächen für den ruhenden Verkehr zu erkennen sondern ein Organisationsdefizit und eine nicht ausreichende Vernetzung von unterschiedlichen Mobilitätsträgern. Zudem stellten die beteiligten Studierenden und Lehrende eine sehr hohe Eignung der Hochgarage als Experimentierfeld für räumliche, programmatische und klangliche Umdeutungen fest. Eingebettet wurde die Veranstaltung in das Seminars „Sounds der Zukunft? Neue Musik hören und verstehen“.